Tasti di scelta rapida del sito: Menu principale | Corpo della pagina | Indice delle News

Sei in: News » Sandro Barbera

Menu di navigazione


Contenuto della pagina


Sandro Barbera



ZUM TOD VON SANDRO BARBERA

Sandro Barbera ist tot. Für alle unerwartet erlag er in der Nacht vom 5. auf den 6. Februar 2009 in seinem Haus in Molina di Quosa, einem kleinen Ort auf dem Lande zwischen Pisa und Lucca, einem Herzinfarkt, gerade erst 62 Jahre alt. Groß ist der Schmerz und tief die Anteilnahme an diesem allzu frühen Tod allüberall in der italienischen Kulturszene und bei den zahlreichen Gelehrten in der ganzen Welt, die ihn gekannt und geschätzt haben.
Wenn ich mich fragte, bei welcher Gelegenheit, wie und wann ich Sandro kennen gelernt habe, könnte ich nicht antworten. Ich könnte eigentlich nur sagen: Ich kenne ihn schon immer; er war mir immer da. Eine starke Gemeinsamkeit von Interessen sowie Einstellungen zu Kultur und Leben hat uns in einer schönen Freundschaft verbunden, die keine Trübungen kannte. So ist es denn für den, der spürt, dass auch von ihm ein Teil gegangen ist, ganz besonders schwer, über ihn zu sprechen, gerade auch ohne schon voll realisiert zu haben, dass seine intelligente Ironie nicht mehr da sein wird, nicht mehr seine umfassende Kultiviertheit und nicht seine Befähigung zu schneidender Kritik, die uns begleitet und geholfen hat, durch eine Epoche zu gehen, die so deprimierend ist wie wenige zuvor.
Die schöne Zeit des gemeinsamen Philosophiestudiums an der Universität kommt mir in den Sinn, speziell der Besuch der Vorlesungen bei Nicola Badaloni, bei dem er 1971 mit einer Arbeit über Lukács abschloss: Ein Stipendium des renommierten “Collegio Puteano” (eingerichtet 1604 vom Erzbischof von Pisa mit dem Ziel, begabten jungen Menschen ein Universitätsstudium zu ermöglichen) hatte ihn nach Abschluss der Schulzeit am humanistischen Gymnasium in Bergamo, wo er mit seiner Mutter lebte, nach Pisa gebracht. Und Badaloni ist es gewesen, ein herausragender Kenner der italienischen Philosophie und des Marxismus – seine weit ausgreifenden theoretischen Studien und Interessen verband er mit politischer Streitbarkeit (er war Bürgermeister von Livorno und stand viele Jahre lang auf nationaler Ebene dem Istituto Gramsci vor) – der Sandros frühen Interessen eine Richtung gab, sie lenkte und darüber hinaus sein wissenschaftliches Ethos sowie seine politische Leidenschaft stärkte.
Sie sind Bestandteil unserer gemeinsamen Ausbildung, die begeisternden Seminare, die Badaloni vor vielen jungen Menschen hielt, Studierenden und Examinierten, von denen viele später im kulturellen Leben wie in der Politik Italiens eine führende Rolle spielen sollten. Dazu kam, prägend und nachhaltig, die wichtige Freundschaftsbeziehung, die durch jüngere “Lehrer” gestiftet wurde: Remo Bodei, Aldo Gargani, Paolo Cristofolini. Wir waren wirklich eine schöne Gemeinschaft von Menschen – verschieden nach Alter, Charakter und kulturellen Interessen, aber geeint zum einen durch rigorose und für Anregungen offene zivile Leidenschaft mit Blick auf Perspektiven für eine Zukunft, zum andern durch ebenso rigoroses und offenes leidenschaftliches Streben nach Erkenntnis. Es waren Jahre starker kultureller und sozialer Bewegungen, Bewegungen voller Hoffnung, an denen Sandro aktiv teilnahm, auch mit einigen Schriften theoretischer und politischer Reflexion. Seine beißende Ironie wandte sich gegen alle Erscheinungsweisen blutleerer Abstraktion und absoluter Abgehobenheit von realen Problemen, irrationaler Flucht und Vereinfachung, alles charakteristische Merkmale gewisser theoretischer Anmaßungen; diese beißende Ironie hat in den letzten Jahren einem ebenso schmerzlichen wie leidenschaftlichen Sarkasmus Platz gemacht – dies angesichts des zunehmenden kulturellen und politischen Verfalls.
Über das Gesagte hinaus ist – seit den ersten Jahren nach seinem Examen – die enge Freundschaft und Zusammenarbeit mit Enrico De Angelis hervorzuheben; er war es, der Sandros spätere Hinwendung zur Germanistik – zu Beginn der Neunzigerjahre – begleitet hat. Nach Anstellung als Lehrbeauftragter und danach Ricercatore am Philosophischen Seminar während der vorangegangenen Jahre wurde er 1992 zuerst Professor für Geschichte der deutschen Kultur, dann Ordinarius für deutsche Literatur an der Facoltà di Lingue der Universität Pisa.
Seine Forschung galt – nach anfänglicher Arbeit als Stipendiat der Turiner Stiftung Einaudi an der kritischen Ausgabe der Theologia von Antonio Genovesi – zunächst der Geschichte der Philosophie und Kultur Italiens im 19. und 20. Jahrhundert (Antonio Labriola, Benedetto Croce, Ernesto De Martino, Delio Cantimori); auf diesem Gebiet hat er wichtige Beiträge geleistet. Dazu kam rasch die intensive Tätigkeit als Übersetzer aus dem Deutschen; sie betraf vorwiegend philosophische Texte. Von den durch ihn übersetzten Autoren seien hier erwähnt: György Lukács (Vecchia e nuova cultura, in “Quaderni piacentini” X 1971); Wilhelm Dilthey, Wilhelm Windelband, Heinrich Rickert, Georg Simmel, Max Weber, Oswald Spengler, Ernst Troeltsch, Friedrich Meinecke (verschiedene Texte in Lo storicismo tedesco, 1977); Ernst Mach (Conoscenza ed errore, 1982, mit einer Einführung von A. Gargani); Karl Rosenkranz, (Estetica del Brutto, a cura di R. Bodei, 1984, 20043); Max Weber (Storia economica. Linee di una storia universale dell’economia e della società, 1993).
Nach dem Examen war es zu unserer Bekanntschaft mit Mazzino Montinari gekommen, die sowohl für Sandros als auch für meine Forschungsausrichtung wegweisend war: Es entwickelte sich eine Beziehung, die ebenso durch enge persönliche Freundschaft wie durch intensive Arbeit geprägt war. Unvergesslich die Seminare in Florenz in den Räumen des Germanistischen Instituts der Facoltà di Magistero, deren Fenster hinaus auf den Arno gingen, oder die Begegnungen in seinem gastfreundlichen Haus auf dem Land, in Settignano. Montinaris historischer Ansatz regte uns dazu an, uns mit der Delio Cantimori zu beschäftigen, (und) mit Giorgio Colli als wichtigem Bezugspunkt für die Ausbildung von Nietzsches Herausgeber. Sandro verkehrte und arbeitete damals in der Bibliothek des Historikers, die noch zu katalogisieren und ohne rechte Ordnung im Tympanon der Scuola Normale untergebracht war. Ausgehend von jenem Material, von den reich mit Anmerkungen versehenen Büchern, von den unveröffentlichten Notizen versuchten wir uns gemeinsam an einer Erkundung der unruhigen Persönlichkeit dieses Gelehrten, speziell seines methodischen Ansatzes, ausgehend von den schwierigen philosophischen Anfängen “Dalla filosofia alla storiografia: gli inizi di Delio Cantimori. 1922-1937” (in G. Campioni, F. Lo Moro, S. Barbera, Sulla crisi dell’attualismo, 1981). Als dann Michele geboren wurde, Sandros Sohn, entschieden wir uns, die Arbeit an der Abfassung des Essays zu beenden: Das In- und Miteinander von Gefühlen, familiären Ereignissen und Forschung war zu eng, als dass unsere Arbeit mit der Analyse von Cantimoris Schriften bis 1937 (wirklich) hätte abgeschlossen werden können, obwohl wir seine gesamte kulturelle Entwicklung erforscht und so unsere intellektuelle Neugier befriedigt hatten.
Angeregt von Mazzino und zusammen mit ihm organisierten wir im Dezember 1981 eine Tagung über Giorgio Colli (Publikation der Ergebnisse 1983); später dann erarbeitete Sandro mehrere tiefgründige Schriften, die einer genaueren historischen und philosophischen Einordnung der starken und unzeitgemäßen Persönlichkeit galten, die wir an der Universität Pisa kennen und schätzen gelernt haben (unter anderen: Der ‘griechische’ Nietzsche des Giorgio Colli, in “Nietzsche-Studien” 1989; El Nietzsche apolitico de Colli y Montinari, in “Res publica. Revista de la historia de los conceptos politicos”, 2001). Und eine zweite internationale Tagung über den Philosophen und Mitherausgeber Nietzsches wurde anlässlich des 25. Jahrestages seines Todes von uns im November 2004 in Pisa veranstaltet, an der – Beleg für die positive Aufnahme Collis in Europa – zwei spanische Gelehrte (Marco Parmeggiani und Miguel Morey) teilnahmen, dazu der französische Verleger Michel Valensi (mit dem Sandro bei verschiedenen Gelegenheiten zusammengearbeitet hatte) und aus der Schweiz Karl Pestalozzi, der die Edition Colli-Montinari weiterführt und unsere Arbeit immer mit großer Aufmerksamkeit begleitet hat.
Von Anfang an bestand zwischen mir und Sandro ein ununterbrochener wechselseitiger Austausch von Interessen und Anregungen. So verschaffte er mir zum Beispiel Zugang zu den großen französischen Intellektuellen, die der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren Stempel aufgeprägt haben, Renan und Taine; ich für meinen Teil habe ihn mit Nietzsche verführt (ich war schön monomanischer, ich hatte meine Examensarbeit über Nietzsche geschrieben), und von da aus wurde dann das Werk Schopenhauers zum zentralen Interessensgebiet meines Freundes.
Die Begegnung mit Montinari hat uns mit neuen wertvollen Hilfsmitteln ausgestattet, hat uns Forschungs- und Methodeninstrumente für den Zugang zu Nietzsche geliefert; zentraler Ausgangspunkt dabei war die Arbeit an der kritischen Ausgabe und im Zusammenhang damit die Aufmerksamkeit für die Dokumentation dessen, was Nietzsche gelesen hat, überhaupt all das, was außerhalb des eigentlichen Textes liegt. Zu Beginn der Achtzigerjahre haben wir unter seiner Leitung gemeinsam das nationale Forschungsprogramm La biblioteca e le letture di Nietzsche ins Leben gerufen, das mittlerweile wertvolle Beiträge erarbeitet hat (nützlich auch für die Ausrichtung des kritischen Apparats der Ausgabe). Ein erster wichtiger Test auf die Brauchbarkeit dieser Arbeit über Nietzsches Lektüre war die internationale Tagung “Il giovane Nietzsche. Aspetti del suo pensiero e della sua opera” (Urbino 2. bis 4. März 1992), die wir zusammen mit Aldo Venturelli angeregt haben. Diese Konferenz ermöglichte unter anderem auch die erste Begegnung Sandros mit Diego Sanchez; aus der Bekanntschaft ist mit der Zeit eine schöne Freundschaft geworden.
“Für unseren Nietzsche wollen wir einen klaren Horizont schaffen, einen präzis strukturierten Hintergrund, vor dem er sich wirklich ausdrücken kann. Historische Arbeit ohne philosophisches Verständnis ist blind, philosophisches Denken ohne historische Füllung ist leer” – so hatte Montinari in einer unveröffentlichten Notiz geschrieben. An diesem Gedanken versuchten wir uns zu orientieren und widmeten – nach Montinaris frühem Tod – dem Sinn und den historischen Begründungen seines neuen Zugangs zu dem deutschen Philosophen größere Aufmerksamkeit. Nachdem wir vor diesem Hintergrund eine Reihe von Artikeln gemeinsam verfasst hatten, arbeiteten wir an dem Band Il genio tiranno. Ragione e dominio nell’ideologia dell’Ottocento: Wagner, Nietzsche, Renan (1983).
Lassen Sie mich hier einige Worte der Anerkennung wiedergeben, die Mazzino Montinari in seinem Vorwort zu diesem Band geschrieben hat: “Die historische, und das heißt: die philologische Lektüre von Nietzsches Texten, die Sandro Barbera und Giuliano Campioni hier vorschlagen, eröffnet den Zugang zur Welt eines Vordenkers, wie es Nietzsche war, indem sie die Probleme sowie seine spezifischen Fragen und die seiner Zeitgenossen und unmittelbaren Vorgänger – Schopenhauer und Wagner, Stendhal und Taine, Bourget und Renan – , auf die er eine eigene Antwort zu geben versuchte, rekonstruiert […] Ich habe nicht vor, hier in wenigen Zeilen die Ergebnisse der Analyse Barberas und Campionis zu wiederholen, die bis zu einem berühmten Beispiel der Nietzsche-Rezeption reicht, nämlich dem von Robert Musil – dies auch deswegen, weil ihre analysierende Lektüre mit den überzeugenden Schritten wechselseitiger Zuordnung von Texten zueinander und den philologischen Entdeckungern, die in den Fußnoten versteckt sind (beispielsweise die Paraphrase von W. Roux in der Zur Genealogie der Moral) ihrerseits eine geduldige Lektüre verlangt, die ganz gewiss belohnt wird durch eine ständige Bereicherung an Ausblicken auf das, was die Autoren ‘die doppelte Beziehung von Nähe und Distanz zu den Bildern, die sein Zeitalter Nietzsche bot’ nennen”.
Il genio tiranno – ein wichtiger Ausgangspunkt für uns beide, entstand aus intensiver gemeinsamer Arbeit , an die wir immer mit besonderer Freude zurückgedacht haben – eine Schrift, die sich langen vergnüglichen Diskussionen des Typs “wechselseitige Selbstvergewisserung” verdankt. In diesem Zusammenhang fällt mir immer eine der ersten kindlichen Wahrnehmungen meiner Tochter Irene zur Arbeit ihres Vaters ein. In der Grundschule schrieb sie einmal: “Der Papa arbeitet mit dem Sandro in einem Zimmer, er schreibt und man hört sie ständig lachen.” – Ich kann mir die verwunderte Reaktion der gestrengen Lehrerin auf die Leichtigkeit unserer Arbeit vorstellen.
Zu den frühen Entwicklungsschritten dieses Bandes gehört Sandros vertiefende Studie zu Wagners “Philosophie der Musik” im komplexen Übergang vom Primat Feuerbachs zu dem Schopenhauers, der “Elemente einer außerordentlich originellen wechselseitigen Beeinflussung enthält, die auch für den jungen Nietzsche bestimmend gewesen zu sein scheint.” Wagner hat Sandro (besonders in seinem Verhältnis zu Schopenhauer und Nietzsche) außer verschiedenen, in mehreren Aufsätzen enthaltenen Analysen eine schöne Monographie in der illustren, von Enrico De Angelis herausgegebenen Reihe “Jacques e i suoi quaderni” gewidmet (La comunicazione perfetta. Wagner tra Feuerbach e Schopenhauer, 1984). Zahlreich und wichtig sind seine Beiträge zu Nietzsche, die – auch im Lichte bisher noch nicht von der Kritik erfasster Quellen – zu einer besseren Bestimmung des komplexen Verhältnisses zu Schopenhauer führen – und eine neue Lektüre nahe legen, die offen ist für die verschiedenen und verschiedenartigen Bilder, die Nietzsche in seiner Darstellung des Danziger Philosophen bietet.
In letzter Zeit hatte sich Sandros Forschung der – positiven wie kritischen – historischen Rezeption Nietzsches zugewandt. Zu den Ergebnissen seiner Arbeit gehören die zwei Bände, erschienen in der Reihe “nietzscheana” (Verlag ETS), herausgegeben von ihm zusammen mit mir und Franco Volpi: Der erste Band, der die Textreihe eröffnet, beschäftigt sich mit dem “Nietzschekult” (Friedrich Nietzsche, Rezeption und Kultus, 2004, besorgt von Paolo D’Iorio und Justus H. Ulbricht), der zweite mit seiner Rezeption in Deutschland nach dem ersten Weltkrieg (Nietzsche nach dem ersten Weltkrieg, 2006, herausgegeben von Renate Müller-Buck). Angesichts nicht vorhergesehener Differenzen durch oberflächliche Lecture (das reicht bis hin zu monumentalen ideologischen Rekonstruktionen mit historiographischem Anspruch – schreckliche Vereinfachungen, die als böse Frucht der Zeiten immer wiedergeboren werden) hat Sandro geradezu archäologische Grabungsarbeit entwickelt und geleitet – mit Blick auf verfälschte Bilder, mit Blick auf verbreitet falsche Mythen zu verschiedenen Zeiten und unterschiedlichen Zwecken dienend, vonseiten des Nietzsche-Archivs ebenso wie vonseiten der Schwester, angefangen mit der monumentalen falschen apologetischen Biographie, publiziert in drei Bänden in den Jahren 1895 bis 1904. Besonderer Gegenstand einer seiner Forschungsaktivitäten war die Entwicklung von philosophischen Gesellschaften, die gegründet worden waren, um in den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft Nietzsches und Schopenhauers Gedankengut zu verbreiten, und die Auswirkungen, die diese Ereignisse auf die in diesen Zeit edierten Schriften der beiden Philosophen hatten: auf der einen Seite die “Gesellschaft der Freunde Nietzsches”, 1926 von Nietzsches Schwester Elisabeth gegründet, um die Aktivitäten des Nietzsche-Archivs in Weimar zu unterstützen, und die “Nietzsche-Gesellschaft” in München; auf der anderen Seite die “Schopenhauer-Gesellschaft”, ursprünglich begründet von Paul Deussen mit dem Ziel, die kritische Ausgabe der Werke zu unterstützen, und die “Neue Schopenhauer-Gesellschaft”, die in den Zwanzigerjahren in Innsbruck – stark antisemitisch ausgerichtet – von Maria Groener ins Leben gerufen worden war. In diesem Zusammenhang konzentrierte sich (was die herausgeberischen Aktivitäten angeht) die Analyse auf die Gestalt von Otto Weiss und seinen Versuch einer “arischen Schopenhauer-Ausgabe” sowie auf das wenig bekannte (aber wegen der Personen, die hier erscheinen, und wegen des historischen Wendepunkts bedeutsame) Projekt einer neuen kritischen Ausgabe der Werke Nietzsches, mit dem das Archiv 1929 den Philosophen Hans Leisegang, der an der Universität Jena lehrte, betraut hatte.
Was die Rekonstruktion der Entstehung des “Nietzsche-Kults” angeht, schätzt Sandro die Rolle, die Franz Overbeck als Gegner dieses Kults spielte, sehr genau ein. Er schreibt: “Overbeck hatte – gegen den ‘heroischen’ Nietzsche Elisabeths, gegen den Uberwinder des Nihilismus und den Propheten einer neuen religiösen (später, in den Zwanzigerjahren, auch politischen) Synthese den kritischen Nietzsche herausgestellt – und den Kulturanalytiker. Nach Overbeck steht sogar die Entwicklung von Nietzsches intellektueller Persönlichkeit unter dem Zeichen eines überbordenden Kritizismus, nicht gemäßigt durch künstlerisches Schaffen, sondern nur wenig stabil ausbalanciert, in einem Zustand unruhiger Schwankung, rekurrierend auf rhetorische Synthesen […] Mit dem geübten Auge des Religionsgeschichtlers hatte er sofort erkannt, dass die wichtigste Tätigkeit des Nietzsche-Archivs nicht darin bestehen konnte, die Werke des Philosophen bekannt zu machen, sondern vielmehr darin, die ungestüme, wildwüchsige Ausbreitung von Nietzsches Ruhm in ganz Europa kontrolliert in einer ‘Bewegung’ zu organisieren (diesen Begriff gebrauchte Elisabeth und ihre Entourage), die von einer authentischen Kultform geprägt wäre.” (L’amico di Nietzsche, in “La Rivista dei Libri”, 2001, Nr. 3).
Erst kürzlich, beim wichtigen internationalen Kongress von Malaga, der von der SEDEN vom 3. bis 5. April 2008 ausgerichtet worden war und der für die spanischen Forscherfreunde Gelegenheit bot, ihn zu treffen oder näher kennen zu lernen, hat Sandro mit großer synthetischer Effizienz das Thema des Verhältnisses Nietzsches zu dem treuen Freund in Basel wieder aufgenommen und vertieft. Mit diesen Forschungsaktivitäten hat er konkret und beispielhaft eine zentrale Forderung von Montinaris Nietzsche-Forschung, die dieser von Anfang an formuliert hatte, aufgenommen und erfüllt: auch die Wirkungsgeschichte aufzuzeigen, und das fern von flacher Simplifikation, in ihrer komplexen “Rauheit” und ihrem Hin und Her. Daher die Notwendigkeit einer geduldigen Arbeit am Goethe-Schiller-Archiv in Weimar, die unveröffentlichte Briefe, Tagebücher, Notizen usw. ans Licht gebracht und erschlossen hat, mit neuen und überraschenden Ergebnissen: Ich erinnere an den schönen Aufsatz L’Archivio Nietzsche tra nazionalismo e cosmopolitismo (in: “Giornale critico della Filosofia italiana”, 2003), der in einer bewundernswerten Synthese die Geschichte des Archivs und der vielfältig verschiedenen Menschen verfolgt, die mit ganz unterschiedlichen Absichten und Motiven die Villa am Silberblick in Weimar umkreisten. Neben anderem ist hier die scharfe Profilierung der Gestalt Alfred Bäumlers zu nennen – sie verdankt sich der Nutzung wichtigen bisher unveröffentlichten Materials, vor allem einer Reihe von Aufzeichnungen, die in unterschiedlich elaborierter Fassung vorliegen, jetzt zugänglich im Archiv des Instituts für Sozialforschung in München und im Philosophischen Archiv der Universität Konstanz. Er hat sich mit Bäumlers Werdegang und der wechselnden Ausrichtung seines Philosophierens beschäftigt, mit seinem Verhältnis zu Heidegger und insbesondere mit seinem Versuch, in der nach dem Krieg auf der Grundlage einer radikalen Selbstkritik, bezogen auf die zentralen Themen seines Nietzschebuchs von 1931, zu einem neuen Verständnis Nietzsches zu finden.
Natürlich spielte Sandro nach dem frühen Tod Montinaris eine wichtige Rolle) für die jungen Forscher, die in der Edition und in den anderen Aktivitäten des Centro Colli-Montinari einen Ansatzpunkt für ihre Studien sahen. Von ihnen möchte ich Maria Cristina Fornari, Luca Lupo, Chiara Piazzesi, Stefano Busellato und (nicht zuletzt) Paolo D’Iorio nennen, unseren gemeinsamen Schüler, zu dem er eine starke Beziehung aufgebaut hat und der uns – als Leiter des wichtigen Projekts HyperNietzsche – die komplexe Nutzung elektronischer Hilfsmittel erschlossen hat. Viele andere noch – aus Italien und aus dem Ausland – wären zu nennen, die Sandro und seinem Wirken freundschaftlich verbunden waren, unter ihnen Andrea Orsucci, Vivetta Vivarelli, Marco Brusotti – Autoren wichtiger Beiträge zur Nietzsche-Forschung; Maurizio Ghelardi, Gelehrter und Herausgeber von Jacob Burckhardt, Renate Müller-Buck, Mitarbeiterin von Montinari in Florenz, die dann am Apparat der kritischen Ausgabe der Briefe gearbeitet hat, und Federico Gerratana, allzu früh im März 1994 im Alter von nur sechunddreißig Jahren verstorben, Schüler von Montinari in Berlin, dem Sandro seine Einführung in die Lektüre von Schopenhauers Welt (1998) gewidmet hat.
Ein anderer zentraler Gegenstand von Sandros Forschungsinteresse war Goethe, zu dem er jüngst mit einem schönen Vortrag am Kongress der Associazione Italiana di Germanistica (Un Prometeo tedesco. Osservazioni su Hermann e Dorothea, 16. Oktober 2008) zurückgekehrt ist. In einer Goethe gewidmeten Monographie (Goethe e il disordine. Una filosofia dell’immaginazione, 1990) untersucht er den Bezug seines Werks zur Philosophie Spinozas im Hinblick auf die Idee der Einbildungskraft, wobei er präzis die Polarität von Rettung und Katastrophe sowie Ordnung und Unordnung als Schlüsselkategorien im poetischen Universum des deutschen Dichters herausarbeitet.
Vor allem in der letzten Zeit war Sandro mit jenem wichtigen zukunftsweisenden Projekt beschäftigt, das ihm so sehr am Herzen lag, mit Schopenhauersource, der On-line-Ausgabe von Schopenhauers Nachlass (http://www.schopenhauersource.org/).
Dieses Programm von großer Bedeutung war gedacht als Krönung seiner zentralen Leidenschaft. Pointiert kann man sagen: Es ging ihm darum, Schopenhauer in die Philosophie zurückzuholen, in die große, d.h. seriöse, auf hohem Niveau operierende Philosophie, ihn damit der Leichtverdaulichkeit eines Breviers von blasierten Sätzen für Salonphrasen zu entreißen und ihn der Komplexität seines Denkens zurückzugeben, (damit auch) der Komplexität seiner Zeit. Er hat die Entstehung des Schopenhauerschen Systems – literarische und philosophische Quellen ebenso wie Aspekte seiner Rezeption (Nietzsche, Kafka, Thomas Mann) analysierend – in zwei Monographien untersucht (“Il mondo come volontà e rappresentazione”. Introduzione alla lettura (1998) und “Une philosophie du conflit”, publiziert auf Französisch in PUF (2004). In seinem letzten Band untersucht er seine Verbindungen mit der Naturphilosophie des frühen Schelling und mit der Goetheschen Idee des “Urphänomens”. Speziell zeigt Sandro auf, wie die Schopenhauersche Konzeption des Willens als innerer Konflikt und als Vielzahl von Kräften, die um Hegemonie kämpfen, auf Schelling zurückgeht. Das öffnet den Blick auf ein Verständnis von Nietzsches Philosophem des Willens zur Macht. Diesem speziellen Thema hat Sandro seinen Aufsatz Voluntad de vivir o voluntad de poder: Un episodio del debite de Nietzsche con Schopenhauer; 1885-1889, gewidmet, der in “Estudios Nietzsche”, 2003 erschienen ist.
Von Schopenhauer hat Sandro für die von Franco Volpi verantwortete italienische Ausgabe bei Adelphi den ersten Band der Scritti postumi herausgegeben, die die frühen Handschriften (1804 - 1818) enthalten. Diese Arbeit hat das Gefühl der Unzulänglichkeit ebenso wie die großen Lücken in den Ausgaben des Nachlasses von Schopenhauer sehr konkret aufgedeckt (auch in der ansonsten verdienstvollen Edition von Hübscher), und die Notwendigkeit, zurückzukehren in die Archive, zu den Manuskripten, zu Schopenhauers Bibliothek. Und sie hat die Wichtigkeit des im Nachlass überlieferten und noch nicht edierten Materials gezeigt, über die vorhandenen Texte hinaus, ebenso wie Leitlinien einer Forschungsarbeit über die Bibliothek Schopenhauers, die Sandro mit großer Klarheit gezogen hat: eines Schopenhauer, der viel ideenreicher und systematischer ist als Nietzsche in seinen Randglossen und Randschriften. Den Ansatz von Mazzino Montinari in faszinierender Weise weiterentwickelnd, demonstriert Sandro ad oculos, wie gewisse zentrale Passagen in der Genese von Schopenhauers Denken sich allein aus den Anmerkungen entwickeln und offenbaren, so zum Beispiel das Verhältnis zu Malebranche: Im Exemplar aus der Bibliothek des Philosophen wird aus “la volonté de Dieu” “volonté” (Schopenhauer streicht “de Dieu”); oder: die systematische Gegenüberstellung von Ethik und Metaphysik der Upanishaden einerseits und Ethik und metaphysischer Überlieferung in der westlichen Tradition andererseits (zum Beispiel die französische Mystikerin Madame Guyon), die lediglich durch die systematischen Anmerkungen zur Übersetzung von Anquetil Duperron bezeugt ist; oder die Schelling-Lektüre des jungen Schopenhauer, bei der er sich mit den Anmerkungen des gebildeten französischen Kommentators der Upanishaden behalf. Aus Sandros Untersuchungen ergibt sich klar die Unzulänglichkeit von Hübschers Arbeit (immerhin ein Band von 500 Seiten, der sich nur mit der Bibliothek Schopenhauers beschäftigt) sowie die Notwendigkeit der Nutzung elektronischer und digitaler Mittel für eine Edition, die die Bibliothek des Philosophen und die Randglossen angemessen berücksichtigt. Aber noch vor der Notwendigkeit, den Nachlass des Philosophen auf diese Weise zu publizieren: Zusammenwirkend mit Kollegen aus dem In- und Ausland (Matteo V. d’Alfonso, Nicoletta De Cian, Leonardo Pica Ciamarra, Matthias Koßler, Marco Segala, Jochen Stollberg), mit talentierten jungen Menschen, mit Forschungseinrichtungen und Bibliotheken aus Deutschland konnte er den Anstoß geben zu der kritischen Online-Ausgabe der nachgelassenen Werke Schopenhauers (wahrhaftig ein anspruchsvolles Programm für die italienische Forschung, finanziert vom italienischen Ministerium für Unterricht, Universität und Forschung, an dem wir seit Jahren mit zwei verschiedenen Forschungsgruppen beteiligt sind. Schopenhauersource bietet die erste Faksimile-Edition von Arthur Schopenhauers handschriftlichem Nachlass; das Projekt will zu einer Integration der bisher verfügbaren Ausgaben beitragen – Editionen, die nicht abgeschlossen worden sind, nur in Teilen existieren oder nur eine unvollständige und daher willkürliche Auswahl des Materials bieten. “Gerade im Fall der Edition Hübscher, als letzte gedruckt und unbestrittener Bezugspunkt für die Schopenhauer-Forschung, wurde das gesamte Corpus (die Bände I – VI) der Kolleghefte (Fichte ausgenommen) zu den Vorlesungen weggelassen, die Schopenhauer in Göttingen und Berlin besucht hatte; außerdem hat Hübscher von 1830 an eine Auswahl der zu veröffentlichenden Materialien getroffen, die einen beachtlichen Teil davon ausgeschlossen hat. In der vorliegenden Faksimile-Ausgabe wird daher bei der Reihenfolge der Veröffentlichung der Manuskripte denjenigen Seiten der Vorrang gegeben, von denen noch keine Edition oder lediglich eine in Teilen existiert. Auf jeden Fall ist die lückenlose Erfassung des gesamten Nachlasses vorgesehen”, schreibt er in der Vorstellung von Schopenhauersource. Schopenhauersource hat bereits an die 5000 Manuskripte aus dem Nachlass Schopenhauers digitalisiert und zur Verfügung gestellt und mit der Transkription unveröffentlichter Manuskripte begonnen. Das Projekt sieht vor, die Publikation der verbleibenden Manuskripte (etwa 7000) zu Ende zu führen, die Transkription der unveröffentlichten Manuskripte weiterzuführen und ihre Zusammenstellung in Schopenhauersource vorzunehmen, dergestalt dass auf der Website zwei Versionen zur Verfügung stehen, eine linear und eine als diplomatischer Abdruck.
Natürlich muss das alles fortgesetzt werden. Wir werden Sandro Barberas Arbeit noch mehr Aufmerksamkeit widmen als zuvor – auch mit einer Konferenz zu Schopenhauer und Nietzsche, die von Themen ausgehen wird, über die er geforscht hat. Es wird unser gemeinsames Anliegen sein, einen Modus zu finden, um die begonnene Arbeit zu koordinieren, auch wenn er mit seinen Fähigkeiten nicht zu ersetzen ist.
Seine Menschlichkeit, seine Freundschaft werden uns fehlen. Auch seine Art zu lehren wird uns fehlen, die Gründlichkeit, die seine Forschung ausgezeichnet hat, historisch in ihrer Perspektive und philologisch fundiert: eine Forschung, die darauf gerichtet war, bei einer großen Anzahl von Autoren die nicht auszutreibende Unruhe zu offenbaren, sogar ihr Chaos, ohne sich ihm je zu überlassen; mit Vertrauen auf das Verständnis von Komplexität in einer geschmeidigen, nicht starren, nicht autoritären Ordnung.


Giuliano Campioni





© 2009 Università degli Studi di Pisa · Dipartimento di Filosofia | W3C quality assurance: xhtml 1.0 strict | CSS validator | Admin

This page has been viewed 691 times